Warum tragen?

Hintergrund: Der Mensch ist ein Tragling

In der Biologie unterscheidet man junge Säugetiere in 3 Arten:
Nesthocker kommen nackt zur Welt und können sich erst mal gar nicht alleine fortbewegen. Beispiel: Maus.
Nestflüchter dagegen können sich schon kurze Zeit nach der Geburt fortbewegen. Ihre körperliche Reife ist abgeschlossen, wenn sie zur Welt kommen. Beispiel: Pferd.
Traglinge können sich nicht alleine fortbewegen, besitzen aber einen ausgeprägten Greifreflex. Hier unterscheidet man wiederum den passiven (Känguruh) vom aktiven Tragling (verschiedene Affenarten).

Und der Mensch? Er gehört tatsächlich zur letztgenannten Kategorie: zum aktiven Tragling – auch wenn in unserer westlich zivilisierten Gesellschaft in der Vergangenheit die meisten Babys leider eher wie Nesthocker behandelt wurden (oder zum Teil noch werden): weggelegt und sich selbst überlassen. Glücklicherweise findet hier bereits ein Umdenken statt. Immer mehr Eltern entscheiden sich für einen anderen Weg, indem sie ihr Baby viel tragen.

 

Körperliche Merkmale des Traglings

Im Gegensatz zum passiven Tragling (das Känguruhbaby sitzt einfach im Beutel der Mutter und lässt sich tragen) hält sich der aktive Tragling selbst am Körper der tragenden Person (Affenbabys krallen sich im Fell ihrer Mutter fest). Trifft das wirklich auf uns Menschen zu? Ja. Zwar haben wir kein Fell (mehr), in dem sich unsere Babys festhalten könnten, aber einige typische körperliche Verhaltensweisen unserer Säuglinge zeigen es deutlich.

Einerseits der Klammer- und Festhaltereflex (Mororeflex): Täuscht man einem Baby vor, es fallenzulassen, gehen sofort beide Arme reflexartig nach vorne, als wollten sie sich irgendwo festhalten.

Andererseits die sog. Spreiz-Anhock-Stellung der Beine: Nimmt man ein Baby hoch, zieht es automatisch die Beinchen an und spreizt sie, in der Erwartung, getragen zu werden.

Und da uns das Fell zum Festhalten fehlt, benutzen wir heutzutage verschiedene Tragehilen.

 

Der Tragling – psychologisch betrachtet

Babys haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Geborgenheit und körperlicher Nähe. Diese ist für sie fast genauso lebenswichtig wie Nahrung.

Für den Säugling ist es die natürlichste Sache der Welt, getragen zu werden. Alles andere ist für ihn unnatürlich und falsch. Daran konnte auch die Erfindung des Kinderwagens im 19. Jahrhundert noch nichts ändern. Das Baby erwartet ganz einfach, im ständigen Körperkontakt zu einer tragenden Person zu sein.

Wurde in früher Urzeit ein Baby irgendwo abgelegt und alleingelassen, bedeutete das in den meisten Fällen den sicheren Tod, zu groß waren die Gefahren, die überall lauerten. Und so muss man annehmen, dass auch heute noch ein Baby, das alleingelassen wird (auch wenn es „nur“ stundenweise im hübsch zurechtgemachten Babybettchen liegt), sich nicht nur einsam und alleingelassen fühlt, sondern tatsächlich Todesängste aussteht.

Eng an den Körper einer anderen Person geschmiegt, erfährt der Säugling dagegen die für ihn so wichtige Nähe und Geborgenheit. So entwickelt sich sein Urvertrauen. Der direkte Körperkontakt stärkt zudem die Bindung zwischen Baby und Eltern.

Und, auch wenn vor allem ältere Generationen gerne das Gegenteil behaupten: Durch Tragen wird ein Baby nicht verwöhnt! Im Gegenteil. Getragene Babys sind nicht nur glücklicher und schreien weniger, sie sind auch selbständiger, haben weniger Trennungs- und Verlassenheitsängste. Wird das grundlegende Bedürfnis nach Nähe und Körperkontakt in der frühesten Kindheit gestillt, muss es später nicht lauthals eingefordert werden. Getragene Babys werden selbständige Kinder.

 

Der Tragling – physiologisch betrachtet

Tragen ist gesund! Entgegen der landläufigen Meinung schadet es weder dem kindlichen Rücken noch der bei der Geburt unreifen Hüfte. Im Gegenteil. Vorausgesetzt, das Baby wird in einer anatomisch korrekten Haltung getragen, fördert das Tragen die gesunde Ausreifung der Hüfte und unterstützt den natürlicherweise gerundeten Rücken des Säuglings.

 

Literaturempfehlungen:
„Ein Baby will getragen sein“ von Dr. Evelin Kirkilionis
„Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ von Jean Liedloff